Ein Magnet für Flalemanha

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Die deutsche Mannschaft hat in Brasilien einen Spitznamen: Flalemanha! Weil sie auch morgen im Halbfinale von Belo Horizonte in ihren rubro-negro (rot-schwarzen) Trikots spielen wird. Das Ausweichshirt der DFB-Elf ist ein großes Thema in Brasilien, weil es so ähnlich aussieht wie das Trikot von Flamengo Rio de Janeiro. Fla, wie der Club in der Kurzform genannt wird, ist der beliebteste Verein des Landes.

In den Sportteilen der Tageszeitungen ist Flalemanha natürlich ein Thema aber nicht das beherrschende Thema. A ficha caiu, titelt „O Globo“ in seiner Extra-Beilage zur Copa 2014. Der Groschen ist gefallen! Daneben ein Foto von Nationalspieler Willian mit dickem Silber-Blinki-Brilli im linken Ohr. Willian sieht aus, als hätte er schon weit vor dem Deutschland-Spiel den Tunnelblick aufgesetzt.

Die Experten sind sich sicher: Der Mann vom FC Chelsea wird Superstar Neymar (fällt wohl bis November aus) ersetzen. Und da das ein einzelner Spieler kaum schaffen kann, titelt die Zeitung drei Seiten weiter A hora do despertar – die Zeit des Erwachens. Dazu zwei Fotos. Das erste zeigt Stürmer Fred, der vor seinem eigenen Schatten hertrottet. Das zweite zeigt Hulk mit weit aufgerissenem Mund, wie er sich mit beiden Händen an den Kopf fasst. „O Globo“ fordert: Beide müssen gegen Flalemanha abliefern!

Und weil das ganze Land noch immer wegen Neymars Verletzung geschockt ist, hat die Team-Psychologin die Selecao noch mal im WM-Camp besucht. Auf Seite 9 erfährt der Leser zum ersten Mal etwas über die deutsche Mannschaft (außer der Tatsache mit den rot-schwarzen Trikots). Bastian Schweinsteiger guckt streng gescheitelt und mit leichtem Sonnenbrand vom PK-Podium – und verzieht dabei keine Miene. Links neben seinem Kopf die Schlagzeile: Ele preferia o Brasil na final! Er bevorzugt Brasilien im Finale.

Beim Umblättern, schiebt Ronaldo den Ball unter dem Körper des springenden Oliver Kahn hindurch – eine kleine Reminiszenz an das WM-Finale 2002. Autsch! Wer jetzt aber glaubt, dass man als Deutscher in Rio de Janeiro am Tag vor dem Halbfinale schief von der Seite angeguckt wird, liegt total daneben.

Ich war gestern mit zwei Kollegen in einem Souvenir-Shop. Die Verkäuferinnen fragten nach unserer Herkunft. Wir antworteten: „Alemanha!“ Dann fingen die drei Damen das Kreischen an: „Naaaaaooooo, Alemanha!“ Alles im Spaß, alles mit einem Augenzwinkern. Eine Verkäuferin wollte mir einen Deal vorschlagen, dass Deutschland doch bitteschön Brasilien den Vortritt lassen solle, da das Land doch wegen Neymars Verletzung ohnehin schon so traurig sei. Ich konnte ihr nix versprechen und kaufte ihr einen Kühlschrank-Magneten ab.

 

 

Der Sonntag gehört dem Strand – und Neymar

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In Santa Teresa lebt der brasilianische Traum weiter – Neymar mit dem Weltpokal in seiner rechten Hand. Allerdings nur als kunstvoll gestaltete Wandmalerei. Die Verletzung des Superstars füllt die Titelseiten der Sonntagszeitungen in Brasilien. Und die „Mutter der Nation“ Dilma Rousseff hat einen offenen Brief an Neymar geschrieben. „Es hat mein Herz und das aller Brasilianer gebrochen, den Schmerz auf Deinem Gesicht im Castelão-Stadion zu sehen. Aber wir haben auch die immense Kraft eines großen Kriegers gesehen, der sich nie schlagen lässt, auch wenn er verwundet ist.“ Immerhin hat sie kein Merkel-mäßiges „Selfie“ mit dem Verletzten gemacht.

Brasiliens prominentester Patient befindet sich inzwischen bei seiner Familie im Nobelort Guarujá im Bundesstaat Sao Paulo. Vor seiner Abreise hatte er in einer Videobotschaft noch das Fußball-Volk aufgebaut. „Man hat mir den Traum genommen, ein WM-Finale zu spielen, aber der Traum, Weltmeister zu werden, ist noch nicht zu Ende. Es fehlen noch zwei Spiele und ich bin mir sicher, dass meine Kumpels alles dransetzen werden, den Pokal in die Höhe zu halten.“ Sein Blick erinnerte mich dabei an den Gesichtsausdruck von Angela Merkel bei der Neujahrsansprache. Schluss jetzt mit der Bundeskanzlerin…

Zum Glück gibt es in Brasilien noch ein Leben neben der Fußball-WM – und das findet sonntags in der Regel am Strand statt. Die Strände in Rio de Janeiro sind bei Temperaturen bis 33 Grad heute knackig voll gewesen. Und keiner der Besucher wäre auf die Idee gekommen, ein Handtuch oder eine Kühlbox mitzunehmen. Mutti, die Brote schmiert, Obst, Gemüse, Mineralwasser und dazu noch eine „Bifi“ einpackt – das kennen Brasilianer nicht. Sie haben beim Strandbesuch außer sich und ihrem Anhang nichts dabei – nicht mal ein Handtuch.

Für zehn Reias (umgerechnet 3 Euro 30) kann man sich einen klapprigen Klappstuhl und einen Sonnenschirm leihen. Den Rest regeln die zahlreichen Strandverkäufer. „Camarao, camarao, camaraaaoooo“, schreit der Garnelen-Verkäufer. „Agua mineral, Guarana, cerveja, Coca Cooooolaaaaa“, bölkt der Getränke-Anbieter. Und wer Eis will, bekommt Eis. Wer Lust auf Queijo hat, bekommt warmen, quietschenden Halumi-Käse am Holzspieß. Selbst wenn man seine Sonnenbrille vergessen hat – kein Problem. Der nächste Hobby-Optiker kommt bestimmt.

Was man am Strand dagegen nicht bekommt, ist eine Zeitung. Doch das ist gerade in diesen schwierigen Zeiten vielleicht auch ganz gut so.

Brasilien, du alter Schreihals!

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Brasilien ist laut. In manchen Hotels scheppern die Klimaanlagen. Aufzüge rumpeln. Der Fernseher aus dem Nachbarzimmer dröhnt bis ins eigene Zimmer. Ich war neulich in einer Unterkunft – da gab sogar der Wasserhahn ein heiseres Kreischen von sich. An Flughäfen knarzen die Durchsagen schwer verständlich durch die Wartehallen. Manchmal gibt es auch drei Informationen gleichzeitig. Ein Kuddelmuddel, das niemandem hilft.

Im Straßenverkehr wird gehupt, gedrängelt und gepöbelt. Jedes Auto ist ein potenzieller Krachmacher. Und manche Fahrzeuge sind sogar beruflich auf Krachmachen spezialisiert. Sie haben riesige Lautsprecher auf den Dächern und machen mit einem Höllenlärm Werbung für eine Bar, ein Restaurant, eine Disco oder einen Laden, der alles auf einmal ist. Die etwas umweltfreundlichere Krach-Mach-Variante bewegt sich auf zwei Rädern aber genauso laut durch die verstopften Straßen.

Es kann auch vorkommen, dass man in Brasilien am Strand liegt und von den Wellen und der angenehmen Geräuschkulisse in einen sanften Döse-Schlaf geschaukelt wird. Und kurz bevor man wegnickt, erscheint ein Flugzeug im Tiefflug am Himmel und zieht ein Flatterband hinter sich her, um Werbung für eine Bar, ein Restaurant, eine Disco oder einen Laden, der alles auf einmal ist, zu machen.

Flugzeug mit Flatterband und Werbebotschaft über Ipanema

 

Wer mit so vielen Geräuschen aufwächst, muss sich natürlich etwas einfallen lassen, um sich Gehör zu verschaffen. Brasilianer telefonieren mit ihrem Handy nicht so, wie wir das kennen – also Gerät am Ohr und dann abwechselnd zuhören und antworten. Sie nutzen ihr Handy wie ein Funkgerät. Und das geht dann so: Das Ding ungefähr 20 bis 25 cm vor den Mund halten und reinschreien, zum Zuhören Handy ans Ohr und dann noch mal von vorn.

Brasilianer lieben außerdem ihren Fernseher. In jeder noch so kleinen Bar hängt einer oder steht einer. Wenn gerade kein Fußballspiel läuft dann eben eine Telenovela – also eine “Daily Soap“, wie wir auf Neudeutsch sagen würden. Selbst in vielen Favelas baumeln Satellitenschüsseln an den Fassaden. In vielen Taxis guckt der Fahrer nebenbei auf einem Mini-Bildschirm sein Lieblingsprogramm. Das deutsche Wort “Zimmerlautstärke“ kommt im brasilianischen Sprachgebrauch nicht vor.

Wie gesagt: Brasilien ist laut! Das ist für deutsche Ohren manchmal schwer verträglich. Doch Brasilien ist ebenso Leidenschaft, Leichtigkeit und Lebensfreude. Dinge, die ich als sehr gut verträglich empfinde und deswegen nie auf die Idee käme, in diesem tollen Land am Lautstärkeregler zu drehen.

 

 

Neymar – eine Heldenverehrung

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Wenn Brasilien eines vor der WM auf gar keinen Fall hätte passieren dürfen, wäre es eine Verletzung von Neymar gewesen. Doch genau so ist es nun gekommen. Der dritte Lendenwirbel ist gebrochen. Gleichbedeutend mit dem WM-Aus für den Superstar. Ich kam gerade aus dem Stadion in Fortaleza und saß im Auto, als sich die Moderatorin im Radio überschlug. Eilig wurde eine Telefonschalte zu einem Kollegen ins Estadio Castelao hergestellt. Im weiteren Verlauf der Autofahrt diskutierten Experten, wer Neymar denn nun im Halbfinale gegen Deutschland ersetzen könne. Immer wieder fiel der Name Oscar.

Doch eigentlich kann doch niemand diesen Spieler ersetzen. Neymar hier, Neymar da, Neymar überall! Der tecnico da Selecao Luiz Felipe Scolari hatte immer wieder betont, wie unmenschlich der Druck sei, der auf seinem Starspieler laste. Doch von Brasiliens Nationaltrainer stammt auch diese Heldenverehrung: „Wir hatten Pelé, wir hatten Ronaldo, wir hatten Romario, Rivaldo und Ronaldinho, aber einen wie Neymar hatten wir noch nie.“ Gong! Der Ritterschlag vom Chef! Die Folge: Immer wieder begegnen mir hier in Brasilien auf der Straße kleine Jungs, die ihre Haare exakt so tragen wie Neymar. Und das ist gar nicht so einfach, weil das Original gefühlt jeden zweiten Nachmittag auf dem Friseurstuhl verbringt.

Kolumbiens Verteidiger Juan Zuniga hat auf den Kicker-Kult genausowenig Rücksicht genommen wie auf den Kult-Kicker. Er hat Neymar mit seinem Knie traktiert und ihm den Rücken demoliert. Als Brasiliens Volksheld kurz vor Spielende auf eine dieser sargähnlichen, orangefarbenen Tragen gewuchtet wurde, sah ich auf dem Bildschirm vor mir, wie er sich die Hände vors Gesicht hielt und heulte. Das schmerzhafte Ende einer WM, die für ihn und sein Land doch jetzt eigentlich erst in die finale Phase gehen sollte.

Ich finde es schade, dass Neymar im Halbfinale gegen Deutschland fehlen wird. Seine Abwesenheit erhöht zwar die Chancen der DFB-Elf aufs Finale im Maracana, aber ich gehöre zu der Sorte Fußball-Fans, die bei einem Turnier der Weltbesten auch die Weltbesten sehen will. Und dazu gehört bei dieser WM definitiv Neymar. Er hat bestimmt manchmal nach Fouls gegen ihn eine Rolle zu viel auf dem Rasen gedreht. Aber er wurde auch heftig attackiert. Heute in Fortaleza zu heftig. Leider!

 

 

Heulsusen oder Helden?

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In Fortaleza angekommen! Mein zweiter Aufenthalt hier bei dieser WM. Bei meinem ersten Besuch habe ich in einer Strandbar erlebt, wie Brasilianer ihre Selecao lieben und wie sie mit ihr leiden. Nach dem Elfmeter-Drama gegen Chile lagen mir fremde Menschen in den Armen. Sie kreischten, hüpften und jubelten. Und im Hintergrund explodierten Knallkörper.

Morgen werde ich live im Stadion dabei sein, wenn Brasilien gegen Kolumbien spielt und ich frage mich ernsthaft: Wie trauern Brasilianer eigentlich um ihre Selecao? Der WM-Gastgeber hat bis jetzt kein gutes Turnier gespielt. Beim Sieg im Eröffnungsspiel gegen Kroatien stand der Schiedsrichter Pate. Gegen Mexiko gab`s nur ein 0:0 und gegen Kamerun immerhin einen klaren Sieg. Aber: Mal ehrlich, war Kamerun nicht die schlechteste Mannschaft der Vorrunde? Tja, und dann Chile – ganz schön knapp, ganz schön glücklich!

Ich habe in den vergangenen Tagen Brasilianer kennengelernt, die gesagt haben: „Lass uns lieber im Halbfinale gegen Deutschland ausscheiden, bevor wir im Maracana das Finale gegen Argentinien verlieren.“ Doch kommt diese Selecao überhaupt ins Halbfinale? Seit Tagen diskutieren Experten und Fans mehr über die Tränen der Spieler als über einen möglichen Triumph. Elfmeter-Held Julio Cesar gab nach dem Chile-Krimi verheult Interviews. Kapitän Thiago Silva brach weinend zusammen. Und jedes Mal, wenn die Nationalhymne läuft, denke ich mir: Wo ist der große Onkel, der die Jungs gleich in den Arm nimmt?

Der brasilianische Trainer hat das heute bei der Pressekonferenz vor dem Viertelfinale gegen Kolumbien im übertragenen Sinne getan. Luiz Felipe Scolari, Spitzname: „Felipao“, hat mit seiner hohen Stirn und seinem grauen Schnauzer tatsächlich etwas Onkelhaftes an sich. Vor allem aber hat er 2002 schon mal das geschafft, was das ganze Land auch diesmal von ihm erwartet – Weltmeister werden! Scolari hat vor versammelter Weltpresse einheimische Journalisten angebellt: „Ich sehe, was ihr schreibt. Das sind Unwahrheiten. Unwahrheiten!“ Vor der WM hatte er gesagt: „Wenn ich den Titel nicht hole, ist die Hölle los.“

Und ich werde irgendwie den Verdacht nicht los, dass ich morgen die „Hölle von Fortaleza“ erleben könnte. Seit fast zwölf Jahren hat die Selecao in Brasilien kein Länderspiel mehr verloren. Die letzte Niederlage gab`s in…Na gut, lassen wir das. Vielleicht schießt ja auch Neymar zwei Tore und aus Heulsusen werden Helden. Und im Internet hält Bayern-Star Dante immerhin das Klischee vom ewig gut gelaunten Brasilianer am Leben…