Schlagwörter

, , , , , ,

„Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen!“ Warum ich diesen Eintrag mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe beginne? Weil ich das 7:1 der deutschen Mannschaft gegen Brasilien im Goethe-Institut in Sao Paulo verfolgt habe. Da passt das Zitat ganz gut, finde ich. Und erstaunt waren ja zwischen Sao Paulo und St. Pauli so ziemlich alle Menschen, würde ich jetzt mal behaupten.

Ich habe das Spiel zusammen mit Hunderten von Brasilianern und Deutschen gesehen. Es gab Currywurst, Weißwurst und Frankfurter mit Pommes, dazu belgisches Bier und brasilianische Caipirinha. Auf zwei Etagen verteilt, waren große Bildschirme und kleine Fernseher aufgebaut. Auch draußen im Garten war eine kleine Public-Viewing-Ecke eingerichtet. Die deutschen Gäste trugen überwiegend Trikots der deutschen Elf. Und auch viele Brasilianer hatten sich für das schwarz-rot-goldene Outfit entschieden. Auch das fand ich erstaunlich.

 

Neben mir saß Bruna (links auf dem Foto), deren Farbkombination auf den ersten Blick nichts mit Fußball, auf den Zweiten aber sehr viel mit der deutschen Elf zu tun hatte: Sie trug ein knallgelbes Oberteil und darüber ein rot-schwarzes Stofftuch. Schwarz. Rot. Gold. Als sie nach dem 1:0 von Klose plötzlich aufsprang, die Arme hoch riss und jubelte, fragte ich sie, warum sie sich denn so für die deutsche Mannschaft freue. Bruna antwortete: „Weil ich Deutschland liebe!“ Erstaunlich. Die Erklärung: Sie hatte 2011 ein Jahr in Aalen verbracht. Noch erstaunlicher!

Brunas Jubel nach dem zweiten und dritten Tor wurde eher lauter als leiser. Ich war irritiert, denn meine Sitznachbarin war nicht die Einzige, die mit Deutschland sympathisierte. Auf der großen Leinwand verstolperte Fred mal wieder eine Gelegenheit. Buh-Rufe gingen durch den Saal. „Warum schimpfen alle Brasilianer auf Fred?“, wollte ich von Bruna wissen. „Weil er alles falsch macht.“ Brasilien spielte mit vielen Freds, dachte ich.

Und schon sprang der Saal zum vierten Torjubel auf. „Brasilien tut mir fast ein bisschen leid“, gab ich meiner Nachbarin zu verstehen. Ich war mir sicher, sie könnte etwas Trost vertragen. „Ja, ein bisschen vielleicht“, pflichtete mir Bruna bei. Immerhin. Nach dem 5:0 von Khedira war sie mehr mit ihrem Handy als mit dem Spiel beschäftigt. Vielleicht schrieb sie so etwas wie: Diese Deutschen wollen mich einfach nicht verstehen!

Ich verstand Bruna dagegen sehr wohl, als sie ab der 35. Minute ihren Sitzplatz neben mir gegen einen Stehplatz in der Getränkeschlange eintauschte. Goethe hatte Durst. Und die meisten Besucher, so schien mir, berauschten sich an der sagenhaften ersten Halbzeit der deutschen Mannschaft.

Als Schürrle das 6:0 erzielte, blickte Bruna kurz von ihrem Handy auf und grinste. Ich schüttelte fassungslos den Kopf. Was hatte Aalen nur mit ihr gemacht? „Jetzt tun sie mir aber echt leid“, sagte ich. „Brasilien hat keine gute WM gespielt“, konterte Bruna. Und ich hatte absolut keine Gegenargumente mehr. Schon gar nicht an diesem hisTORischen Tag im Goethe-Institut.

IMG_0811

Ein Verlierer, wie ihn Goethe nicht besser hätte dichten können: David Luiz