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Eigentlich wollte ich hier heute über brasilianische Fußball-Kommentatoren schreiben. Doch dann bin ich Teil einer Massenpanik geworden. Mein Kollege und ich sind heute in Salvador da Bahia angekommen – die drittgrößte Stadt Brasiliens. Das historische Zentrum der cidade alta mit seinen verwinkelten Gassen, bunten Häusern und Kirchen gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ein Muss für Besucher. Zumal noch bis zum 24. Juni dort im historischen Kern der Küstenstadt das „Sao Joa da Bahia“ stattfindet – ein Musikfestival mit bekannten Forro-Künstlern.

Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Unser ursprünglicher Plan ging so: Eine nette Bar, ein kleiner Snack, viel Forro! Die Realität sah so aus: Wir bewegten uns mit Tausenden Menschen durch die engen Gassen und kamen nur mit kleinen Tippelschritten voran. Die Musik wurde lauter, unsere Neugierde größer. Vor unseren Augen lag ein großer, bunter Torbogen. Dahinter war die Bühne mit den Bands aufgebaut. Mein Kollege und ich schaukelten mit der Menschenmasse in Richtung Eingangsbereich. Ich steckte meine linke Hand in die linke Hosentasche, um mein Handy zu schützen und die rechte Hand in meine rechte Hosentasche, um nach dem Bündel Geldscheine zu greifen.

Die Luft wurde dünner, die Gasse wurde schmaler, der Torbogen kam näher. Von hinten drückten Festivalbesucher, von vorne kamen welche, von links und rechts wurde geschoben. Ich kam mir vor wie ein Korken, der durch einen viel zu engen Flaschenhals wollte aber nicht durchpasste. Plötzlich prügelten sich Militärpolizisten mit Gummiknüppeln eine Schneise durch die Menschenmenge. Einer von ihnen trug ein ohnmächtiges Mädchen auf seinen Schultern. Neben mir fingen die ersten Frauen an zu kreischen. Ihre männlichen Begleiter wurden hektisch und aggressiv. In der Menschenmasse entstand eine Strömung wie in einem rauschenden Meer. Ich konnte meine Schritte nicht mehr kontrollieren und meine Richtung nicht mehr bestimmen. Mein Kollege driftete nach links ab, ich nach rechts. Mir wurde warm und schwindelig. An meiner rechten Seite fiel eine Frau in Ohnmacht.

Kurz darauf schlüpfte ich durch den Torbogen und stand auf einem viel zu kleinen Platz mit viel zu vielen Menschen. Ich entschied mich spontan, mich mit der nächsten Wellenbewegung wieder in die entgegengesetzte Richtung treiben zu lassen. Meinen Kollegen hatte ich schon verloren. Und als nächstes das Handy? Das Geld? Den Ehering? Die Besinnung? Mir war heiß. Und ich versuchte mich zu konzentrieren. Im Sog der Masse rettete ich mich auf den Rand eines Springbrunnens.

Ich war erleichtert. Und besorgt. Mein Kollege war nicht zu sehen – und nicht zu erreichen. Das Handynetz war zusammen gebrochen. Sanitäter transportierten eine kollabierte Frau an mir vorbei. Und nach rund zehn Minuten Ruhepause entschied ich, mich zum Fahrstuhl durchzuschlagen, der die Ober- und die Unterstadt miteinander verbindet. Dort hatte mein Kollege vorhin ein Foto gemacht. Ich schickte ihm eine SMS.

Eine Viertelstunde später klingelte mein Handy. Er war dran und stand nur wenige Meter neben mir. Zwei Doofe, ein Gedanke! Hätten wir uns bloß Japan gegen Griechenland in einer Fußball-Kneipe angeguckt.